Telepolis20030718
Aus UVP-KO
Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/15235/1.html
[bearbeiten] Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstadtvögel zur Paarungszeit
Michaela Simon 18.07.2003
[bearbeiten] Bildet sich im Gesang mancher Vögel ein "Großstadtslang" heraus?
- Die Frage, ob Singvögel auf akustische Umweltverschmutzung (vgl. Der Terror des Lärms [1]) wie Presslufthämmer, Lastwagen und Mobiltelefone reagieren, beschäftigt zunehmend die Wissenschaft.*
So gibt es eine etwa zwei Jahre alte dänische Studie, die herausgefunden haben will, dass Verkehrslärm an vielbefahrenen Straßen mit bis zu 6 0000 Autos täglich Störungen im Verhalten der Vögel im Umkreis von etwa drei Kilometern bewirkt. Aber auch ruhigere Straßen mit 1 0000 Autos täglich beeinflussen die Vögel noch im Umkreis von eineinhalb Kilometern. Die andauernde Lärmbeschallung führe dazu, dass sie weniger große Töne spucken: Ihr Getschilpe werde einfacher und enthalte weniger Lautabstufungen. Weil der Gesang aber auch der Revierabgrenzung und dem Kommunizieren mit möglichen Sexualpartnern dient, kann eine geringere Reproduktion die Folge des Lärms sein.
Dieser neue Selektionsdruck ist auch das Stichwort für das in der aktuellen Nature [2] veröffentlichte Paper. Niederländische Biologen fanden heraus, dass Kohlmeisen bei großem Hintergrundlärm, etwa in den autoreichen Teilen der Stadt, höher singen als ihre Artgenossen in den ruhigeren Vierteln. Auch wenn ein Laster vorüberdonnert, die Kohlmeise singt; um dem eher niederfrequenten Stadtlärm beizukommen, flüchtet sie in noch höhere Tonregionen als gewöhnlich. Die Meisen, die vom Lärm verschont sind, bedienen sich eher aus den tieferen Tönen ihres Spektrums.
Vermenschlicht könnte man sagen, dass in der Stadtmitte, in der Großstadt ein anderer "Slang" herrscht als in den "braven" Vororten. Erstaunlich ist, dass es scheint, als ob die Kohlmeise ihre Lieder an das Territorium anpassen würde, anstatt das Territorium auszusuchen, in welchem man ihre Lieder singt. So wäre es möglich, dass der Vogelgesang in Berlin dem in Paris oder London mehr ähnelt als dem in Berlins ländlicher Umgebung.
Unsere Ergebnisse zeigen, so weit wir wissen zum ersten Mal, (nicht ganz, wie wir eingangs sahen, M.S.) dass von Menschen veränderte Umweltbedingungen die Kommunikationssignale einer wilden Vogelart verändern. Alle Arten von Maschinen schaffen einen neuen Selektionsdruck auf wildlebende Spezies, die akustische Signale benutzen, um Erfolg bei der Reproduktion zu haben. Das kann in Zukunft zwei Gruppen schaffen: Jene Arten, die ihre Signale an den konkurrierenden Lärm anpassen können und jene, die dazu nicht fähig sind.
In anderen Worten: Die Kohlmeise eignet sich zum Stadtvogel, eingefleischte "Landvögel" könnten bei dem Lärm untergehen, weil sie nicht mehr zu hören wären. Um die Studie zu beweisen, müsste man allerdings erstmal wissen, ob es stimmt, dass die weibliche Kohlmeise die höheren Töne wirklich besser hören kann.
Die Technik imitiert die Natur, die Natur imitiert die Technik. Während virtuelle Vögel echt klingen (vgl. Virtueller Vogel kann echt singen [3]), klingeln echte Vögel wie Handys. Nun muss man wissen, dass bis heute nicht vollständig enträtselt ist, wie Vögel denn nun eigentlich das Singen lernen. Fest steht allerdings, dass Nachahmung und beständiges Üben eine zentrale Rolle spielen. So konnten Wissenschaftler in Chicago vor wenigen Monaten nachweisen, dass Singvögel ihr Repertoire sozusagen im Schlaf lernen, nämlich indem sie in ihren Träumen immer und immer wieder das üben, was sie tagsüber von sich geben.
- "...Hallo?"*
Auf dem Gebiet der Nachahmung gehören insbesondere Stare zu den begabtesten Vögeln (vgl. Sing nicht zu hoch, mein kleiner Freund [4],
Stare zwitschern Ursonate - und stellen damit das Urheberrecht in
Frage [5]). So gehört es schon fast zu den urban legends, dass ein Däne einen Star in seinem Garten auf den Namen "Nokia" getauft haben soll, weil der Vogel das Klingeln seines Mobiltelefons so täuschend echt zu imitieren vermochte. Dann werden wir in Zukunft neben so exotischen Vögeln wie der Schamadrossel oder der Dajaldrossel (beide aus Südostasien) vielleicht eine Nokiameise, einen Motorolazeisig und eine Ericssonamsel kennen.
- Links*
[1] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/glosse/2593/1.html%BR% [2] http://www.nature.com%BR% [3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/13929/1.html%BR% [4] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/lis/7631/1.html%BR% [5] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/7934/1.html%BR%
Telepolis Artikel-URL: %BR% http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/lis/15235/1.html

